Die Viamala-Schlucht bei Thusis war nicht nur ein wichtiger Verkehrsweg (bzw. ein fieses Hindernis auf einem wichtigen Verkehrsweg), sondern diente auch als Titel für einen Roman, der wiederum mehrfach verfilmt wurde (und nicht viel mit der Schlucht zu tun hat). Heute ist die Schlucht eine Touristenziel, und weil ich ja als Tourist schon öfter in der Gegend weilte, war dieses Ziel schon mehrfach in meinen Reiseplanungen aufgetaucht.
Als ich 2019 eine Woche in Chur war hatte ich die Wanderung schon fest eingeplant, allerdings war das Wetter dann eher regnerisch und wolkenverhangen, so dass ich stattdessen einen Tagesausflug nach Alp Grüm machte und an einem der anderen Tage einen 30km-Marsch durch die Rheinschlucht absolvierte. Dann war ich erst 2023 wieder in der Gegend, aber da waren dann Wanderungen an der Berninabahn das naheliegendere Ziel. Aber was lange gärt, wird endlich Wut, und Wut steht bei meinen Eltern für „Wandern und Touristik“ oder eher für „Wandern und Trinken“. In diesem Sinne war es nun endlich mal an der Zeit, diesen Plan umzusetzen.

Der Tag begann also wie üblich mit dem Frühstück, bei dem ich – wie ebenso üblich – zwei Brötchen, eins mit Schinken eins mit Ei Nutella mit ebenso vielen Tassen Kaffee runterspülte. Im Hintergrund lief dazu eine sehr eklektische Musikauswahl, da folgte nämlich auf Chris de Burgh’s High On Emotion mal eben AC/DC’s Highway To Hell. Kann man schon mal machen, und höllisch wurde die Wanderung dann später auch noch.
Anfahrt (61.7 km, 1:35h, ↗0m, ↘1009m)
Zunächst mal musste man aber den Ausgangspunkt erreichen, nämlich Thusis. St. Moritz ist das Ende der Albulastrecke, und die beginnt in Thusis. Von der Fahrt auf dieser Strecke kann man sowieso nie genug bekommen, also hin zum Bahnhof, rein in den Zug und schon ging es los. Bei schönstem Sonnenschein ist das Gekreisel zwischen Preda und Bergün immer wieder ein Genuss, ebenso die Aussichten zwischen Bergün und Filisur, das/der Landwasserviadukt und schließlich das/der Soliser Viadukt (ob die Viadukte nun männlich oder sächlich sind ist auch so eine offene Frage, des Viaduktes Kasus Beknacktus bleibt weiter unklar). Die Fahrt nach Thusis dauert ziemlich genau 90 Minuten, morgens halb zehn in Deutschland Thusis gab es dann auch kein Frühstückchen, sondern es wurde Lichtschutzfaktor aufgetragen und dann begann die eigentliche Wanderung.
Wanderung (7.3 km, 3:08h, ↗1078m, ↘654m)
Anmerkung: Die Höhenunterschiede rauf und runter entsprechend nicht der Realität, da ist das GPS ein paar Mal ausgezackt. Die Bushaltestelle Via Mala liegt 170m höher als der Bahnhof, insofern wären 820m Anstieg realistischer vermute ich mal.

Und die hat es in sich, die beginnt nämlich direkt mit einem steilen Aufstieg zur Burganlage Hohen Rhätien. Der Bahnhof Thusis liegt auf knapp 700m Höhe, die Burganlage rund 250m höher. Luftlinie sind das nur 800m vom Bahnhof, und davon läuft man die Hälfte erst einmal einigermaßen eben aus dem Ort raus und überquert den Hinterrhein, bevor dann die Kraxelei beginnt. Da hat man dann die größte Anstrengung direkt am Anfang und wird noch nicht mal mit besonders spekatulärer Aussicht belohnt.
Die Burganlage selbst ließ ich rechts liegen, der Weg führte nun weiter am Rand der Schlucht – will sagen 200m oberhalb der Schlucht – am Fels entlang. Der Weg verläuft dabei immer auf einem Niveau zwischen 950 und 1000 Höhenmetern, mal hoch und mal runter. Definitiv nix für einen gemütlichen Sonntagsspaziergang. Unterwegs kommt man dann an so illustren Stellen wie dem „verlorenen Loch“ vorbei, bevor man dann den Traversiner-Steg überqueren muss. Das ist eine sehr imposante Hängebrücke mit eingebauten Treppenstufen und eigener Wikipedia-Seite.

An der Stelle machte ich eine längere Verschnaufpause, auch das Trinken kam an dieser Stelle nicht zu kurz (allerdings nur Schweizer Nationalgetränk und kein Alkohol, das wäre bei der hochsommerlichen Hitze auch ein schwerer Fehler gewesen). Witzigerweise flog da ein lustig bunter Schmetterling in der Gegend rum, der mein weißes verschwitztes Shirt ausgesprochen interessant fand.
Danach ging es nun abwärts bis zu einem breiteren Forstweg, der mich mit dem Schild „Sie haben die Via Mala erreicht, herzlichen Glückwunsch“ begrüßte. Da dachte ich mir schon, ok, jetzt noch ein paar gemütliche Meter gradeaus zum Lockern der Beinmuskulatur wäre nicht so ganz falsch. Da hatte ich die Rechnung aber ohne die Schweizer Wanderwegsplaner gemacht, denn die waren der Meinung „Via Mala heißt schlechter Weg, da muss man die doofen Touristen noch ein bissl triezen“. Dementsprechend ging es dann ungefähr 300m vor dem Ziel nochmal ganz fies den Berg hoch – 100 Höhenmeter steil nach oben und auf der anderen Seite steil nach unten. Und alles nur, damit man nicht auf der quasi unbefahrenen Straße läuft, auf der außer Mountainbikern und einigen Motorradfahrern nur zweimal stündlich der Postbus vorbeikommt – der Durchgangsverkehr läuft da durch einen modernen gut ausgebauten Tunnel.

Dieser Aufstieg war Gift für meine Motivation, der Abstieg hingegen Gift für meine Knie. Kurz nach 13 Uhr war dann das Ziel erreicht, der Eingang zur eigentlichen Schlucht nämlich. Das ist dann ein Besucherzentrum, wo man Eintritt zahlt und dann nochmal 90m von der Straße aus hinunter in die Schlucht steigen kann. Man kann sich den Eintritt aber auch sparen und vom Straßenniveau aus spektakuläre Fotos machen. Die 90 Höhenmeter wollte ich mir echt nicht mehr antun, gerade bei der Hitze und mit Rücksicht auf meine Knie. Nach meinem Urlaub 2023 konnte ich wochenlang nur unter starken Schmerzen Treppen steigen und es dauerte bis weit ins Jahr 2024 hinein, dass ich das mit Hilfe vom Physio wieder hinbekam. Darauf hatte ich also mal gar keinen Bock.
Busfahrt (4.9 km, 0:07h, ↗1m, ↘380m)
Anmerkung: Wie bereits gesagt, die Bushaltestelle liegt 170m höher als der Bahnhof, da sind also 201m Messungenauigkeit auf von Empfangsschwierigkeiten in der steilen Schlucht mit drin.
Ich machte also ein paar Fotos und studierte den Busfahrplan. Da fuhr ein Bus gegen 13:45 Uhr und einer kurz nach 14 Uhr, so oder so war dann der nächste Zug 14:30 Uhr ab Thusis, so dass man 16 Uhr wieder in St. Moritz wäre. Mit dem früheren Bus hätte man in Thusis 30 min Aufenthalt, der andere Bus kam kurz vor knapp an und darauf hatte ich eher wenig Lust. Da ich da nun auch alles gesehen hatte wurde also der frühere Bus geentert und auch wenn sich alle Leute im Bereich der Tür drängelten waren weiter hinten noch einige Plätze frei, so dass ich sogar gemütlich am Fenster sitzen konnte.

Eine kurze Busfahrt später war ich dann auch wieder in Thusis angekommen, wo ich mir die Wartezeit mit Trinken und Dehnungsübungen vertrieb – da hatte mich der Physio damals drauf hingewiesen, dass dies ganz wichtig ist zum Vorbeugen. Und weil Vorbeugen nun mal besser ist als nach hinten fallen macht man dann sowas eben manchmal auch. Zwischendrin fuhr noch ein Bernina-Express vorbei, den ich auch hätte nehmen können, da hätte ich aber dann nochmal umsteigen müssen und wäre auch nicht eher in St. Moritz angekommen.
Rückfahrt (61.7 km, 1:31h, ↗1038m, ↘19m)
Die Rückfahrt verlief dann auch vergleichsweise unspektakulär, ich war gut platt und die Albulastrecke hatte ich ja auf der Hinfahrt am Morgen schon zum wiederholten Male gesehen. Ich ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass dies die letzte Fahrt auf der Strecke in diesem Urlaub sein würde. So oder so war ich kurz vor 16 Uhr wieder in St. Moritz, holte am Bahnhof noch ein paar Getränke und stapfte dann zum Hotel hinauf.

Das Personal am Empfang dort war übrigens schwer auf Zack, die hatten den Zimmerschlüssel schon rausgesucht bevor ich überhaupt sagen konnte, dass ich den jetzt brauche. Eine Dusche und ein Attentat meiner Rasierklinge später war nun immer noch Zeit bis zum Abendessen – den Tisch hatte ich am Morgen auf 18:30 Uhr reserviert. Dementsprechend war nun im Sinne der Muskelentspannung Wellness angesagt. Das Hotel hatte da mehrere Saunen und einen Pool im Angebot, wovon ich dann auch reichlich Gebrauch machte. Das war tatsächlich sehr hilfreich und tat der verspannten Beinmuskulatur sehr gut.
Damit stand nun das Abendessen auf dem Programm, diesmal nicht beim Italiener, sondern die Straße runter im Restaurant neben dem zentralen Kreisverkehr. Da dauerte es zunächst etwas, bis sie meine Reservierung gefunden hatten – zum Glück hatte ich die Reservierungsbestätigung auf dem smarten Taschencomputer parat. Nachdem das geklärt war funktionierte aber alles reibungslos, es gab regionales Craft Beer (lecker) und Hähnchenbrust mit Pommes (auch lecker).
Anschließend verzog ich mich wieder ins Hotel und ließ den Tag gemütlich ausklingen. Am nächsten Tag war dann deutlich weniger Wandern und mehr spektakuläres Bahnfahren angesagt.

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